Blickpunkt Israel
Januar bis Februar 2000

Inhalt

Leinwanderfolge

 

MUSIKNOTIZEN

Trio, Quartett und Quintett

Requiem für Hanoch

 

SPOTLIGHT

Musik jenseits der Regale - Ein Porträt Josef Bardanashvilis

 

KULTUR

- Mensch und Tier

- Tanzpreis

- Bäume und Wurzeln

 

EVENTS

"Kadosh"

 

Aaron Appelfeld - Seine Lebensgeschichte

"Jesus-Münzen" am See Genezareth gefunden

Mokady-Retrospektive


 
 

LEINWANDERFOLGE

Unabhängig von ihren sonstigen Qualitäten sind israelische Filme im internationalen Wettbewerb gehandikapt: durch den hebräischen Dialog. Zwar interessiert sich das Publikum im Ausland sehr für die Themen israelischer Spiel- und Dokumentarfilme, aber um die Sprache der Bibel zu verstehen, benötigt es Untertitel oder eine Synchronisation. Trotz dieses Hindernisses ziehen israelische Filme eine stetig wachsende Aufmerksamkeit auf sich, und immer häufiger sind sie auf Veranstaltungen überall in der Welt zu sehen – sei es im Rahmen einer israelischen Filmwoche, einer Woche der israelischen Kultur oder auf großen internationalen Festivals. Die Zahl von israelischen Filmwochen war 1999 bereits doppelt so groß wie 1998, und sie wird 2000 weiter wachsen. Ohne Zweifel ist das israelische Kino präsent wie nie zuvor.

Katriel Schory, Leiter des Israeli Film Fund, vertritt die Ansicht, daß die israelische Filmindustrie staatliche Unterstützung verdient, weil sie den hebräischsprachigen Film stärkt. „Die hebräische Sprache ist der gemeinsame Nenner aller Teile der israelischen Gesellschaft.", sagt Schory. „Die Forderung, in das israelische Kino als Mittel zur Bewahrung unserer Sprache zu investieren, ist kein demagogisches oder manipulatives Argument."

Der Israeli Film Fund wurde vor 20 Jahren durch das Ministerium für Bildung und Kultur gegründet und hat seither mehr als 130 Spielfilme gefördert, mit der Absicht, den talentiertesten Filmemachern Israels die Möglichkeit zu verschaffen, ihre Visionen auf der Leinwand zu verwirklichen. Dafür stehen ihm vor allem zwei Mittel zur Verfügung: einerseits direkte Investitionen in Skriptentwicklung, Produktionen und Koproduktionen, andererseits Unterstützung beim Vertrieb jener Filme, die durch den Fund gefördert werden.

Jährlich werden dem Fund mehr als hundert Skripts eingereicht, von denen 25 eine Förderung für die weitere Entwicklung des Drehbuchs erhalten. Von diesen werden schließlich sechs bis acht Filme für eine finanzielle Unterstützung der Produktion ausgewählt.

Das durchschnittliche Budget eines israelischen Spielfilms liegt zwischen $ 450.000 und $ 800.000. Der Israeli Film Fund schießt bis zu zwei Dritteln des Budgets eines Films zu. „Es gibt fast keine privaten Investoren in Israel.", erklärt Schory und fügt hinzu, daß eine durchschnittliche israelische Produktion mehr als 250.000 Zuschauer bräuchte, um die Produktionskosten einzuspielen – mehr als die Zahl aller Besucher, die einheimische Filme im Moment zusammen pro Jahr erreichen.

Israelische Filme haben sich zu einem Spiegel der turbulenten und komplexen Gesellschaft des Landes entwickelt. Der Israeli Film Fund blickt stolz zurück auf zwanzig erfolgreiche Jahre voller Talent und Kreativität, die sich in den von ihm geförderten Filmen widerspiegeln. Viele von ihnen sind längst zu Meilensteinen der israelischen Kultur geworden. Filme wie „Hamsin„ (1982), „Beyond the Walls„ (1984), „Avanti Popolo„ (1986), „The Summer of Aviya„ (1988), „Cup Final„ (1991), „Amacing Grace„ (1992), „Life According to Agfa„ (1993), „Passover Fever„ (1996) oder „The Milky Way„ (1998) haben zahlreiche Preise auf internationalem Parkett gewonnen.

Auch einheimische TV-Filmproduktionen haben Beachtung in internationalem Rahmen gefunden. 1999 ging der auf dem Banff Television Festival verliehene und hart umkämpfte Rockie Award für den besten Fernsehfilm an den israelischen Channel Three für „Aharon Cohen’s Debt". In diesem Film, einer Produktion der Israel Cable Programming Company (ICP), spielt Moshe Ivgy unter der Regie von Amalia Margolin einen Durchschnittsbürger, der mit seinen Unterhaltszahlungen in Rückstand geraten ist und deshalb in Arrest genommen wird. In der alptraumhaften, kafkaesken Welt des Gefängnisses, in der Mißverständnisse, Bürokratie und Gewalt regieren, findet er schließlich sein Ende. Auch im Vorjahr hat eine ICP-Produktion, „Kalinka Maya„ von Eitan Londner, den Banff Rockie Award gewonnen. Mit 38 Teilnehmerländern ist der Rocky Award der weltweit einzige Wettbewerb, in dem nordamerikanische Fernsehproduktionen mit denen anderer Länder konkurrieren.

Neue Filmpakete

In einem kleinen Raum in einer abgelegenen Ecke des Außenministeriums in Jerusalem findet sich eine der Ursachen für die rasant steigende Beteiligung israelischer Filme an internationalen Filmfestivals. In diesem Zimmer, vollgepackt bis unter die Decke mit Videokassetten, sitzt Yoram Morad, der Leiter des Bereiches Film der Kulturabteilung des Ministeriums. Eine seiner Hauptaufgaben ist die Vermittlung zwischen israelischen Filmemachern und dem ausländischen Publikum. Stolz präsentiert er dreizehn „Pakete„ mit insgesamt 46 Filmen, die über israelische Botschaften und Konsulate in der ganzen Welt bezogen werden können. Jedes Paket enthält vier bis sechs Filme und ist in verschiedenen Film- bzw. Videoformaten verfügbar. Das „Paket 2000“ beispielsweise enthält die Filme „Kadosh“ (siehe Artikel in dieser Ausgabe), „Saint Clara", „Under Western Eyes“ (ein tragikomisches Roadmovie), „The Dybbuk“ (eine Adaption der berühmten Geschichte), „Passover Fever” und „Urban Feel". Ein anderes populäres Filmpaket enthält Filme des Regisseurs, Drehbuchautors und Schauspielers Assi Dayan, Sohn von Moshe Dayan. Seine mit „Life According to Agfa“ und „An Electric Blanket“ begonnene Trilogie hat Dayan mit „Mr. Baum“ abgeschlossen, einer makabren Komödie, die damit beginnt, daß der Held erfährt, er habe nur noch 92 Minuten zu leben. Das Dayan-Paket enthält zusätzlich ein dokumentarisches Portrait Assi Dayans, „Living. Period". Es ist zur Zeit mit englischen, französischen oder spanischen Untertiteln erhältlich; portugiesische, russische und deutsche Versionen sind in Vorbereitung. Neben Spielfilmen ist auch eine Auswahl israelischer Dokumentarfilme in separaten Paketen verfügbar.

Cinematheken und Filmfestivals

Israel rühmt sich dreier Cinematheken – in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa –, in denen Cineasten die Möglichkeit haben, Klassiker, seltene Filme und das Beste des israelischen Kinos zu sehen. Die Jerusalem Cinemathèque ist mit dem Israel Film Archive und dem neu aufgebauten Multimedia-Holocaust-Forschungszentrum ein wichtiger Anlaufpunkt für Filmschaffende aus dem In- und Ausland. Hier finden sich nationalsozialistische Propagandafilme, frühe israelische Wochenschauen und Dokumentarfilme sowie eine Sammlung israelischer und ausländischer Spielfilme. Für ihre Mitglieder bietet die Cinemathek außerdem regelmäßig Weiterbildungskurse zu Filmthemen an. In dem malerischen alten Gebäude aus weißem Stein, von dem man einen wundervollen Ausblick auf den Zionsberg hat, befindet sich überdies eine umfassende Filmbibliothek.

Die drei Cinematheken sind auch Gastgeber für die großen israelischen Filmfestspiele. Jerusalem und Haifa veranstalten jährlich internationale Festivals (Jerusalem 6. bis 15. Juli 2000, Haifa Oktober 2000). Die Tel Aviv Cinemathéque organisiert vom 21. bis 26. April 2000 zum zweiten Mal das internationale Dokumentarfilmfestival DocAviv. Neben dem Wettbewerb um den Preis für den besten Dokumentarfilm und weiteren Programmsektionen sind auch Workshops und Symposien geplant. Teilnehmen können Filme mit einer Mindestlänge von 45 Minuten, wenn sie in Israel noch nicht öffentlich gezeigt wurden.

Spielberg Jerusalem Film Archive

Das Spielberg Jerusalem Film Archive ist eine akademische Einrichtung, die sich der Bewahrung und Verbreitung des jüdischen und israelischen Filmerbes widmet. Es beherbergt ein Dokumentations- und Forschungszentrum, eine Publikationsabteilung sowie eine große Sammlung jüdischer Filme. Das Archiv wird gemeinsam geführt vom Institute of Contemporary Jewry der Hebrew University Jerusalem und den Central Zionist Archives.

Im Oktober wurde die Arbeit des Spielberg Archive auf dem Stummfilmfestival in Sacile, Italien, gewürdigt. Für die Konservierung des Films „The Land Israel Liberated", produziert 1919 von der Produktionsfirma Menorah unter der Regie des Filmpioniers Yaakov Ben Dov, erhielt das Archiv als Preis Laborarbeiten im Wert von ungefähr US$ 11.000. Das kürzlich entdeckte Filmmaterial ist in Galiläa aufgenommen und zeigt unter anderem Bilder früher jüdischer Siedlungen wie Sejera und Rosh Pina.

My Yiddishe Mama’s Dream

Dieser Film verbindet das persönliche Drama des israelischen Operndirigenten Daniel Oren mit Aufnahmen seiner Aufführungen von „La Bohème“ in Rom, Mailand und Tel Aviv. Der Sohn eines arabischen Vaters und einer jüdischen Mutter wurde als Kind von Juden „stinkender Araber“ und von Arabern „dreckiger Jude“ gerufen – die Verkörperung des jüdisch-arabischen Konflikts. Vor Orens Geburt träumte seine Mutter, ihr Sohn würde ein Musiker. Später regelt und dominiert sie sein Leben in einer Art, die wie eine Parodie des Jüdische-Mutter-Syndroms wirkt. Oren ist hin- und hergerissen zwischen der Bindung an seine Mutter, seinen Schuldgefühlen, seiner Fremdheit gegenüber seinem Vater (mit dem er sich schließlich in einer bewegenden Szene versöhnt) und seinem Bedürfnis nach persönlicher Freiheit. Oren spielt sich selbst mit anrührender Aufrichtigkeit, und Puccinis Musik hat als Hintergrund des Films einen überwältigenden Effekt. „My Yiddishe Mama’s Dream“ ist ein Triumph für den gestandenen Filmemacher Asher Tlalim, der verantwortlich zeichnet für Regie, Skript, Kamera, Schnitt und Produktion.

„Oscars“ für Yanna

„Yanna’s Friends“ war der herausragende Sieger bei der Verleihung des israelischen Oscars (Israel Film Academy Award) 1999. Der Film erhielt Preise für den besten Film, die beste Regie (Arik Kaplun), die beste Schauspielerin (Evelyn Kaplun) und den besten Schauspieler (Nir Levy), die beste Nebendarstellerin und den besten Nebendarsteller, für Kamera, Drehbuch, Schnitt und Szenenbild.

Die Preisverleihung war ein Moment des Triumphes für Arik und Evelyn Kaplun. Die beiden Kapluns sind selber aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert und haben ihre eigenen Erfahrungen in den Film eingebracht, der sich mit den Prüfungen und Frustrationen befaßt, denen sich Neueinwander in Israel ausgesetzt sehen.

Auch auf dem Filmfestival Karlovy Vary 1999 lief „Yanna’s Friends“ mit großem Erfolg und gewann den Grand Prix, den Preis für die beste Hauptdarstellerin sowie den Preis der ökumenischen Jury. Ebenso ging der Hauptpreis des Filmfestivals Jerusalem an „Yanna’s Friends", und weitere Auszeichnungen hat der Film in Moskau und Montpellier gewonnen. Gezeigt wurde er auch auf Festivals in China, Rußland, der Ukraine, in Kanada, der Tschechischen Republik, Deutschland, den USA, Polen, Korea, Slovenien, Großbritannien und Griechenland. In den nächsten Monaten wird der Film unter anderem in Washington, Palm Beach, Miami, Brüssel, New York, Los Angeles, Houston, Chicago, Hong Kong und in Dänemark laufen.

Kontakt mit dem Produzenten: transfax@netvision.net.il

 

Kontaktadressen

Israel Film Fund: Email info@filmfund.org.il, Website www.filmfund.org.il

Israel Film Centre: Email films@tamas.gov.il, Website www.tamas.gov.il

Israel Film Academy: Tel. +972-3-5464916, Fax +972-3-5457052

Israelisches Außenministerium, Film: Tel. +972-2-5303326, Fax +972-2-5303303

 

Filmschulen:

The Sam Spiegel Film and Television School Jerusalem: Email mail@jsfs.co.il,

Website www.jsfs.co.il

Camera Obscura Tel Aviv: Email akivat@camera.org.il, Website www.camera.org.il

The Ma’aleh Film School Jerusalem: Website www.maale/school.org.il

Tel Aviv University, Film and Television Dept.: Email ornae@tauex.tau.ac.il,

Website www.tau.ac.il/arts/film/filmdept.html

 

Cinematheken und Filmarchive

Jerusalem Cinemathèque: www.jer.cine.org.il, Email jer.cine@inter.net.il

Haifa Cinemathèque www.haifa.gov.il/cinemal, Email haifa@netvision.net.il

Tel Aviv Cinemathèque: Email docaviv@netvision.net.il

Spielberg Jewish Film Archive: Website http://sites.huji.ac.il/jfa,

E.-mail msjfa@mscc.huji.ac.il

 

Requiem für Hanoch

Im August 1999 hat das israelische Theater eine seiner prominentesten Figuren verloren: Hanoch Levin. Ein Nachruf von Autor Michael Morris Reich.

Hanoch Levin kam ins Zentrum des israelischen Theaters vom Rand, aus der Welt des politischen Protests. Seine frühen Stücke fürs Kabarett waren voller satirischer Schärfe und schockierten das Publikum in ihrer Offenheit. Levin attackierte die Selbstgefälligkeit der Israelis in der Folge des Sechs-Tage-Krieges, stellte die scheinbare Unvermeidlichkeit des militärischen Konfliktes in Frage und warnte vor einer Entwicklung Israels zu einer Gesellschaft von Eroberern und Ausbeutern. Die Öffentlichkeit reagierte mit wütender Empörung. Sein Stück „The Queen of the Bathtub” (1970) wurde zerrissen, weil es das Andenken der gefallenen Soldaten geschändet und die Hinterbliebenen beleidigt habe. Nach 18 Vorstellungen wurde das Stück, das am Cameri-Theater zur Aufführung gelangt war, abgesetzt, nachdem Zuschauer mehrfach versucht hatten, die Schauspieler von der Bühne zu zerren. Rückblickend erweist sich Levins damaliges Statement als prophetische Vorwegnahme der Botschaft der Friedensbewegung von heute.

Levins nachfolgende Begegnungen mit dem Publikum waren weniger gewalttätig. Er wandte sich von der direkten politische Satire ab zugunsten einer Reihe von Stücken, die schwer einzuordnen sind. Er brachte eine gnadenlose Welt auf die Bühne, in der der Starke den Schwachen ausbeutet und erniedrigt, während er selbst von dem erniedrigt wird, der noch stärker ist als er. Während die Figuren und ihre Handlungen oft grotesk und die Situationen absurd sind, kommt der Humor in Levins Stücken aus der jiddischen Tradition. Im facettenreichen Zerrspiegel seiner Arbeit reflektieren sich die Übel der israelischen Gesellschaft. In Stücken wie „Ya’akobi and Leidental” (1972) oder „Hefetz” (1972) zeichnet er in grell-komischen Farben den israelischen Bourgeois, seine Heiratskonventionen und seine Jagd nach Geld. Diese Art von Komödien katapultierten Levin mit erstaunlicher Geschwindigkeit in die erste Garde des israelischen Theaters. Seine Stücke wurden mit breiter Zustimmung aufgenommen und fanden Eingang in die Spielpläne aller etablierten Theater.

Mit beeindruckender Produktivität schrieb Levin mindestens ein Stück pro Jahr. Die Inszenierung seiner Werke übernahm er selbst. Dabei schaffte er eine unverwechselbare Ästhetik, in der seine grotesken Handlungen und Personen sich verbanden mit hochstilisiertem Spiel, nostalgischer Musik und einer Bewegungschoreographie, die an Tanz grenzte. Auf diese Art gelangen ihm Momente von atemberaubender Schönheit.

Im Verlauf der Jahre erweiterten sich die Quellen seiner Inspiration. In seinen Stücken „Execution” (1979) und „Job’s Sorrows” (1981) nutzte er mythologische Themen, um den Zustand der Menschheit zu illustrieren. In einer Sprache, die poetisch und schneidend zugleich ist, brachte er seine tiefe Enttäuschung über die Gemeinheit und Kleinlichkeit der Menschen zum Ausdruck.

Erst in den letzten Jahren seines Lebens ist Levin etwas versöhnlicher geworden. In „The Dreaming Child” (1993), „Those Who Walked in the Dark” (1997) und in seinem letzten Stück „Requiem” (1999) finden sich Momente von Anmut und eine Atmosphäre von Kameradschaft zwischen Menschen, die ein gemeinsames Schicksal teilen. Aber stets wirft der Tod, geheimnisvoll und beängstigend, seinen Schatten über alles und läßt einen mit Trauer und Verzweiflung zurück.

Levin war zeitlebens außerordentlich produktiv. Er schrieb 50 Theaterstücke (von denen 20 noch nie aufgeführt wurden), Geschichten, Gedichte und kleine Stücke für Kinder. Von seinem Krankenhausbett aus leitete er bis zum letzten Moment die Proben für sein letztes Stück. Doch trotz seiner heroischen Anstrengungen war der Krebs schneller als er, und er konnte die Inszenierung nicht mehr selber beenden. In der kommenden Saison wird das Cameri-Theater sein Stück „Habachiyanim” (The Crybabies) zur Aufführung bringen.

Man kann den Einfluß Levins kaum überschätzen. Das Hebräisch, das Israelis heute schreiben, ist sein Hebräisch. Unser Humor ist von seinen Komödien inspiriert. Die künstlerischen Standards, die Levin gesetzt hat, die Genauigkeit und Ernsthaftigkeit, mit der er alles dem künstlerischen Schaffensprozeß untergeordnet hat, sind zu einem Ideal geworden, dem wir nacheifern können.

   

SPOTLIGHT

Musik jenseits der Regale:

Ein Porträt Josef Bardanashvilis

Sein Lieblingsfoto zeigt ihn mit einem Miniaturpiano, den Partituren seiner wichtigsten Werke und einem Korb voller Lebensmittel: Cornflakes, Tütensuppen und grünen Zwiebeln. „Das bringt mein Leben in Israel auf den Punkt”, sagt Josef Bardanashvili, Immigrant, virtuoser Komponist und für eine Weile auch Aushilfe in einem Tel Aviver Lebensmittelladen. Aber sein verschmitztes Lächeln erzählt mehr: die Geschichte eines musikalischen Genies, das in der Mitte des Lebens Ruhm und Erfolg hinter sich läßt und ganz von vorn beginnt, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.

Bardanashvili wurde 1949 am Schwarzen Meer geboren. 1995 kam er nach Israel, mit einer beeindruckenden Erfolgsgeschichte auf musikalischem Gebiet im Gepäck. Nach der Promotion an der Musikakademie in Tbilissi  war er Hauskomponist des weltberühmten Rustavelli-Theaters und Leiter der Musikakademie in Batovei. Bardanashvili hat internationale Musikfestivals organisiert und selbst zahlreiche Preise gewonnen. Als georgischer Kulturminister hat er schließlich auch Erfahrungen in der Politik gesammelt. Unter seinen Kompositionen finden sich Symphonien, Konzerte für Violine, Gitarre, Klavier und Cello, Streichquartette und Klaviertrios. Hinzu kommen Chormusik, eine Rockoper, ein Rockballett, Musik für mehr als 20 Filme und 40 Theaterproduktionen. Er spielt Klavier und Trompete. Außerdem malt er. Schließlich ist er ein außerordentlich freundlicher und entgegenkommender Mensch, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt.

Etwas besseres hätte der israelischen Musikszene nicht passieren können. Aber so langsam, wie die Schlangen im Einwanderungsministerium vorrücken, geht auch die Entdeckung von Talenten vonstatten. Irgendwann ist deine Nummer an der Reihe, aber bis dahin braucht es viel Geduld.

„Mir war klar, daß ich bei Null anfangen würde”, sagt Bardanashvili ohne ein Zeichen von Bitterkeit. Seinen ersten Auftrag, die Musik für ein Stück des inzwischen verstorbenen Hanoch Levin ("Damals hatte ich noch keine Ahnung, wer das war”), bekam er über einen befreundeten Produzenten – „ein Mitglied der russischen Musikmafia”, scherzt Bardanashvili. Seine Komposition erhielt viel Beifall, und Bardanashvili war sicher, mit einem Fuß in der Tür würde er den zweiten schnell nachziehen können. Aber sein Telefon blieb nach diesem ersten Erfolg stumm.

Bardanashvili war mit seinen Eltern nach Israel gekommen; seine Tochter, heute verheiratet und Mutter von zwei Kindern, war einige Monate zuvor eingewandert. Ohne festes Einkommen, mit einer Familie und einer Miete, die bezahlt werden mußte, nahm der Musiker einen Job als Aushilfe in einem Lebensmittelladen in Tel Avivs Sheinkin-Straße an. Während er Waren in die Regale räumte, komponierte er im Kopf Symphonien, und die Gespräche mit Kunden nutzte er, um sein Hebräisch zu verbessern. „Ich wußte, das würde nicht immer so bleiben”, sagt Bardanashvili über seine halbjährige Lehrzeit in israelischer Gesellschaftskunde.

Er sollte sich nicht geirrt haben. Auf die Thunfischdosen folgten Auftragskompositionen für das Cameri-Theater in Tel Aviv und das Theater in Haifa, das Ensemble Musica Nova und das Musikfestival von Kfar Blum. Seine Musik für die Inszenierung des „Dybbuk” am Habima-Theater wurde mit dem Margolit-Preis ausgezeichnet, und 1998 erhielt Bardanashvili den Preis der Israel Artist’s Academy für den besten Komponisten des Jahres. Er ist Hauskomponist des Symphonieorchesters Ra’anana. Eine seiner Kompositionen für dieses Ensemble, „Children of God”, kam auf dem letztjährigen Israel Festival zur Uraufführung, mit Countertenor David De’or in der Begleitung von Eti Ankri und dem Chor der Mönche der Armenischen Kirche Jerusalem. „Children of God” ist Bardanashvilis Ode an die interkonfessionelle Gemeinschaft und etwas, das er „pluralistischen Universalismus” nennt.

Bei allem Erfolg ist Bardanashvili immer noch frustiert wegen seiner angeblichen sprachlichen Unbeholfenheit. Obwohl er längst fließend Hebräisch spricht, ist dieser hochtalentierte Mann fest davon überzeugt, daß er die Sprache nicht beherrscht. Er entschuldigt sich für Fehler, die er nicht macht, und behauptet, er komme sich vor wie ein Kind, das gerade erst lernt, sich auszudrücken. Gegenüber seinen Studenten an der Tel Aviv Music Academy fühle er sich befangen und nicht in der Lage, so offen zu sein, wie er gerne wäre. „Wenn ich aus dem Unterricht komme, bin ich leer wie eine ausgequetschte Zitrone”, sagt er.

Bardanashvili gibt zu, daß seine Musik schwer zu definieren ist. Während seiner nächtlichen Wanderungen am Strand komponiert er modern und klassisch (zu seinen Vorbildern gehören Bach, Mahler und Stravinsky), Folk und sogar Jazz. Er zeichnet eine imaginäre Karte auf den Tisch eines Jerusalemer Cafés. „Sowohl mein Temperament als auch meine Weltanschauung sind beeinflußt vom Osten wie vom Westen”, sagt Bardanashvili, der seine Arbeiten der „konzeptionellen Musik” zurechnet. Er seufzt, unsicher, ob er sich verständlich gemacht hat: „Wissen sie, Schweigen ist auch Musik.”

Genauso ist es mit Soundeffekten. „Sie können eine komplette Geschichte erzählen”, glaubt Bardanashvili und bezieht sich damit auf eine seiner großen Lieben: die Filmindustrie. „Filmmusik wird ganz sicher einen großen Einfluß auf die gesamte Musikszene haben”, prophezeit er. Seit er in Israel lebt, hat er die Musik für fünf Filme geschrieben, aber er ist etwas frustriert von der Angewohnheit vieler israelischer Regisseure, einfach ein paar ‘amerikanische Töne’ hinzuzufügen. „Die Regisseure lassen dem Komponisten keinen Raum. Sie kommen mit einem fertigen Skript und einer festen Vorstellung von dem, was sie wollen. Und meistens wollen sie die Musik bis vorgestern”, klagt Bardanashvili. Für ihn sind es die Musik und die Soundeffekte, die die Stimmung eines Filmes ausmachen. „Die Musik soll den Film nicht bestimmen, aber man soll sie spüren.”

Getreu seinem Naturell bleibt Bardanashvili trotz allem optimistisch und ist überzeugt, daß er der israelischen Filmindustrie viel zu geben hat. Wie auf Stichwort klingelt sein Handy. Später entschuldigt er sich für die Unterbrechung und fügt hinzu: „Das war ein Produzent, der eine Filmidee mit mir diskutieren möchte.” Er zuckt die Achseln und setzt sein ansteckendes Lächeln auf: „Wer weiß, vielleicht ist das der Beginn meines sechsten Films in Israel.”

 Shelley Kleiman

 

KULTUR

Mensch und Tier

Dan Zaretzkys komische und eigenartige Bronzeskulpturen von Menschen und Tieren erfrischen das Auge und bringen den Betrachter zum Lachen. Aus dünnen Metallplatten fügt er quasirealistische Abbildungen von Kamel, Fuchs, Wildschwein oder Frosch zusammen und verbindet sie mit stilisierten menschlichen Figuren. Diese Schau ist nur eine unter vielen exzellenten Ausstellungen des Wilfrid Israel Museum of Oriental Art and Studies im Kibbutz Hazorea im Norden Israels.

Tel.: 04-9899566

Email: wilfrid@hazorea.org.il

 

Tanzpreis

Die Auszeichnung für besondere Kreativität des diesjährigen israelischen Tanzpreises ging an den künstlerischen Leiter der Kibbutz Contemporary Dance Company, Rami Be’er, für sein Gesamtwerk. Be’er kam 1980 als Tänzer zum Ensemble und stieg bald zum Chefchoreographen auf. Viel Lob erhielt er für die integrativen Qualitäten und die emotionale Intensität seines Werkes.

Das Ensemble hat auf der Basis seiner Choreographien im Lauf der Zeit ein beeindruckendes Repertoire erarbeitet. Neben großen Werken für das gesamte Ensemble wie „On the Edge”, „Aide Memoire” und „Naked City” demonstrieren Solo- und Kammerarbeiten Be’ers sarkastischen Blick auf den Zustand der Menschheit.

Im November hatte das Publikum in den USA Gelegenheit, verschiedene Aufführungen der Kibbutz Contemporary Dance Company zu sehen . Im Januar war das Ensemble auf Tournee in Europa.

Kontakt: www.kcdc.co.il

Bäume und Wurzeln

Das Jewish Genealogy Center des Diasporamuseums Tel Aviv ist vermutlich die weltweit wichtigste Quelle für die Erforschung der Geschichte jüdischer Familien. Besucher können in einer computergestützten Datenbank nach der Abstammung von Familien aus der ganzen Welt suchen oder ihren eigenen Stammbaum hinzufügen. In diesem Jahr veranstaltet das Museum einen Kurs für Hobby-Ahnenforscher. Die Direktorin des Centers, Diana Sommer, wird die Teilnehmer lehren, selber Daten aus der Familiengeschichte zu sammeln und abzugleichen. Unterstützung finden auch all jene, die der Datenbank des Museums Daten hinzufügen wollen. Dabei werden alle in diesem Kontext bedeutsamen Softwareprogramme berücksichtigt.

Kontakt:

Musem of the Diaspora, Tel Aviv

Website: www.bh.org.il

E-mail: bhmuseum@post.tau.ac.il

   

 

EVENTS

„Kadosh“

Die ultra-orthodoxe Gemeinschaft der Haredim ist Gegenstand endloser Debatten in Israel. Die Haredim widersetzen sich jeglicher Modernisierung und halten an einer jahrhundertealten Lebensweise fest. Das drückt sich selbst in ihrer Kleidung aus. Physisch und kulturell sind sie isoliert von der israelischen Gesellschaft. An zentralen Institutionen des Staates sind sie nicht beteiligt. Sie weichen den Medien aus und organisieren ihr ganzes Gemeinwesen um das Studium der Bibel und die Einhaltung der jüdisch-religiösen Gesetze (Halacha). Andererseits haben sie immensen Einfluß auf das politische und gesellschaftliche Leben des Landes. Dieser steht in keinem Verhältnis zu ihrer Anzahl. Ihre Interpretation des Judentums wirkt sich in allen Bereich der israelischen Gesellschaft aus. Das Verhältnis säkularer Israelis zu den Haredim ist ambivalent: der Faszination auf der einen Seite stehen Ärger und Argwohn auf der anderen Seite gegenüber. Viele Israelis schätzen die jüdische Tradition, aber lehnen die puristischen, anti-modernen Auffassungen und den Ausschließlichkeitsanspruch der Orthodoxen ab.

Diesem komplizierten und komplexen Thema ist „Kadosh“ (Holy), der neue Film von Amos Gitai, gewidmet. Es braucht einen klugen und sensiblen Regisseur, um sich dieser Herausforderung zu stellen, und Gitai bringt die nötigen Voraussetzungen mit. Er ist ein Filmemacher, der im In- und Ausland große Anerkennung genießt. Sein Film „Day by Day“ ist in Israel sehr gelobt worden.

In „Kadosh“ zeichnet Gitai ein Portrait der Konflikte zwischen Familie, Tradition, verschiedenen Generationen und Liebenden – universale Elemente, mit denen das Publikum etwas anfangen kann. Auf diese Art schafft es der Regisseur, die Erfahrung des orthodoxen Lebens mit menschlicher Tiefe darzustellen. Gitai behandelt sein Thema aus der Sicht der ultra-orthodoxen Tradition und gibt auf diese Weise Einblick in eine Welt, die uns fremd ist, obwohl sie direkt vor unserer Haustür liegt.

Die Geschichte des Films dreht sich um die zwei Schwestern Malka und Rivka sowie ihre Eltern. Rivka ist seit zehn Jahren verheiratet, aber hat noch immer keine Kinder. Ihr Arzt ist sicher, daß sie fruchtbar ist und das Problem auf der Seite ihres Mannes liegt. Aber in der Gesellschaft, in der sie lebt, steht es außer Frage, daß die Schuld an diesem Mangel die Frau trifft. Undenkbar, daß ihr Mann sich untersuchen ließe. So verfügt der Rabbiner schließlich, daß das Paar sich trennen muß. Das einzige Problem dabei ist, daß Rivka und ihr Mann sich aus tiefstem Herzen lieben (ein Umstand, den der Regisseur als ungewöhnlich darstellt.) Aber obwohl Rivkas Mutter interveniert und gegen die Entscheidung des Rabbis protestiert, bleibt dieser unnachgiebig. Rivkas Ehemann ist zerrissen zwischen seiner Liebe und seiner Ergebenheit in die religiösen Gesetze, die ihm vorschreiben, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren.

Auch die Geschichte Malkas, der Schwester Rivkas, setzt Liebe in Widerspruch zu den Regeln des Gemeinschaftslebens. Malka liebt einen jungen Mann aus der ultra-orthodoxen Nachbarschaft, der die restriktiven Regeln seiner Umgebung nicht länger akzeptiert. Er lebt in seiner eigenen Subkultur gemeinsam mit jugendlichen Revoluzzern und besucht seine alte Welt nur, um seine Liebste zu sehen. Die aber ist entsprechend der Tradition schon lange einem anderen versprochen. Malkas Hochzeit ist bereits arrangiert, und trotz ihres hartnäckigen Widerstands kann sie ihrem Schicksal nicht entkommen. Ihr Ehemann erscheint zunächst als eine komische Figur, als ein seinen religiösen Studien fanatisch ergebener Gelehrter, der in fieberhaftem Geschrei seine Gebete zu Gott herausstößt. Aber als Ehemann erweist er sich als ein Monster und symbolisiert so etwas, das der Autor als kriminelle Heuchelei innerhalb dieser abgeschlossenen Gesellschaft sieht.

Gitais Film ist langsam und nachdenklich. Möglicherweise war es die Absicht des Regisseurs, den Geist der Gemeinschaft deutlich zu machen und eine moralische Grundhaltung zu zeigen, die ganz und gar auf das Studium der Bibel ausgerichtet ist. Aber auch was Gitai wegläßt, spricht für sich. Es gibt wenig Freude im Film, und man kann glauben, daß Gitai im Leben der ultra-orthodoxen Juden Freude kaum gefunden hat. Selbst die Atmosphäre auf Malkas Hochzeit paßt eher zu einem Begräbnis. Diese Sicht des Regisseurs ist nicht zufällig und hat ihre Berechtigung. Und dennoch ist das Bild des Judentums unvollständig ohne die festlichen Elemente, die untrennbar mit ihm verbunden sind. Trotzdem hat der Film für viele Zuschauer große Bedeutung als ein erster Kontakt mit der Welt der Haredim. Die große dramatische Kunst Gitais und die tiefen zwischenmenschlichen Gefühle garantieren dem Zuschauer ein überwältigendes Erlebnis.

   

MUSIK-NOTIZEN

Trio, Quartett und Quintett

Das Jerusalem Music Center im malerischen Yemin-Moshe-Viertel ist eine der wichtigsten Bühnen für junge Talente in Israel. Seit es von Isaac Stern gegründet wurde, zieht es weltbekannte Musiker an, die in Workshops und Meisterklassen junge Sänger und Instrumentalisten inspirieren und ermutigen. Aber das wichtigste Ziel eines jeden Musikers ist das Konzert, und hier spielt das Jerusalem Music Center als Gastgeber für zahlreiche Kammerkonzerte eine wichtige Rolle. Unter der Obhut des Musikzentrums haben sich viele der besten Nachwuchsmusiker Israels zu Kammerensembles – Trios, Quartetten oder Quintetten – zusammengefunden. Etliche von ihnen haben bereits Preise in Europa und Nordamerika gewonnen und viel Beifall erhalten.

An erster Stelle steht das Huberman-Streichquartett mit Guy Braunstein, Yonatan Brick, Gilad Karney und Zwi Plesser. Alle vier sind Absolventen des Jugendprogramms des Jerusalem Music Centers und machen inzwischen, jeder für sich, international Karriere. Regelmäßig kommen sie in Israel zusammen, um dort gemeinsam zu musizieren. An der gegenwärtigen Konzertreihe sind sie mit vier Aufführungen beteiligt. Zwei davon stehen noch aus: am 23. Februar 2000 (mit Bracha Kol, Alt) und am 25. Mai 2000 (mit Yuri Gandelsman, Viola).

Das Jerusalem Quartett, die Wunderkinder des Musikzentrums, deren internationale Karriere bereits begann, während sie noch ihren Armeedienst leisteten, hatte sein Konzert bereits im Dezember. Das 1997 gegründete Aviv Quartett, das 1999 den ersten Platz im Kammermusikwettbewerb von Melbourne belegte, wird am 2. April 2000 auftreten.

Alle Kammerkonzerte werden von Israels Klassiksender „Kol Hamusica” live übertragen. Eröffnet wurde die Reihe mit dem brillanten Auftritt des Neuen Israelischen Holzbläserquintetts: fünf Musiker, die seit fünf Jahren zusammen spielen. Abgerundet wird diese imposante Vorstellung junger israelischer Talente mit dem Jerusalem Piano Trio, das 1999 den Internationalen Kammermusikwettbewerb von Osaka gewonnen hat. Die Gruppe von Musikern, die sich ebenfalls unter den Fittichen des Musikzentrums entwickelt hat, wird in diesem Jahr nach Jerusalem zurückkehren, um den Kontakt mit ihrem heimatlichen Publikum nicht zu verlieren.

Kontakt: www.jmc.co.il

PS: Neben der Konzertreihe mit erfolgreichen Absolventen bietet das Jerusalem Music Center auch eine Plattform für die gegenwärtigen Studenten, die Hoffnung der Zukunft. Viel Spannung gibt es immer bei der Konzertserie „Jugend im Zentrum”, die jeweils am Freitagvormittag im Radio übertragen wird. Stets sind diese Konzerte verbunden mit der Hoffnung, einen weiteren künftigen Star zu entdecken. Die diesjährige Serie wurde eröffnet mit dem Debüt des Jerusalem Saxophon Quartett, vier engagierten Teenagern, die ihre Zuhörer verblüfften mit ihrem professionellen Ensemblespiel.

 

 

Aaron Appelfeld – seine Lebensgeschichte

Das Erscheinen der Autobiographie von Aaron Appelfeld ist ein wichtiges publizistisches Ereignis in der Literaturszene Israels. Mit 30 Büchern, von denen 13 auch in englischer Übersetzung vorliegen, ist er einer der führenden Autoren in Israel. Als Holocaust-Überlebender hat Appelfeld seine eigenen Erfahrungen in seine Bücher einfließen lassen. In vielen seiner Texte findet sich die verlorene Welt des Vorkriegseuropas mit seinen kultivierten jüdischen Kleinbürgern und der Ahnung des drohenden Unheils.

Appelfeld hat sein jüngstes Werk unlängst dem Publikum in Jerusalem vorgestellt. Dabei sprach er von seinen Erinnerungen, besonders von Erinnerungen aus seiner frühen Kindheit, die im Alter von acht Jahren unvermittelt abbrach; Erinnerungen an Empfindungen, Berührungen der Handfläche oder der Fußsohle, einen Klang oder einen Geruch. Diese Erinnerungen seien für ihn wie ein Hafen, in den er sich stets retten könne. In schwierigen Situationen, erzählte Appelfeld, beschwöre er sich den Geruch von wilden Erdbeeren herauf, die er mit seinen Eltern gesammelt habe, oder den sanften Wind in den Vorhängen bei seinen Großeltern.

Appelfeld wurde in der Bukowina geboren, jenem Vorposten der Wiener Kultur in Osteuropa, dem so hervorragende Schriftsteller wie Paul Celan und Dan Pagis entstammen. Appelfeld überlebte den Naziterror. Als Achtjähriger gelang ihm die Flucht aus dem Konzentrationslager. Auf sich gestellt, wanderte er durch die Wälder Osteuropas. Was ihn immer wieder weitertrieb, war die Überzeugung, daß er an der nächsten Wegkreuzung seine Eltern treffen würde.

Ohne die grauenvollen und widerlichen Erfahrungen zu vergessen, zieht er es dennoch vor, sich auf die Momente warmer Menschlichkeit zu konzentrieren, die er erleben durfte. Gern denkt er zum Beispiel an die Landstreicherin, die an einer Bahnstation auf ihrem Bündel saß und einem streunenden Hund die Läuse aus dem Fell kämmte.

Appelfeld schreibt in kurzen Sätzen, in einfacher Sprache und ruhigem Ton, „um Sentimentalität und Selbstmitleid zu vermeiden”, wie er sagt. Bei ihm sprechen die Fakten für sich, Ausschmückungen würden nur ablenken. Die Kraft des menschlichen Geistes, wie sie sich bei Appelfeld zeigt, erweckt Ehrfurcht und Bewunderung.

Aaron Appelfelds Autobiographie „The Story of a Life” ist komplettiert durch den Band „All Whom I Loved”, den er als „eine Art Autobiographie” bezeichnet. Beide Bände sind hebräisch bei Keter erschienen und werden im Jahr 2000 bei Schocken auch englisch publiziert.

 

 

„Jesus-Münzen” am See Genezareth gefunden

Seltene Münzen mit dem Bild Jesus’ sind zur Zeit in einer Sonderausstellung der Hebrew University in Jerusalem zu sehen. Die Münzen mit griechischen Inschriften wie "Jesus der Messias, König der Könige” oder "Jesus der Messias, der Sieger” wurden im letzten Jahr bei Ausgrabungen südlich von Tiberias am Ufer des Sees Genezareth gefunden. Sie stammen aus der Zeit des Byzantinischen Reiches und gehen auf das 10. oder 11. Jahrhundert zurück. Professor Hirschfeld, der Leiter der Ausgrabungen, erklärt, daß es sich bei den 58 gefundenen "Jesus-Münzen” um Exemplare handelt, die weder den Namen noch ein Bild des Herrschers jener Zeit tragen.

In Tiberias wurden außerdem zahlreiche moslemische Artefakte aus der Zeit der fatimidischen Herrschaft gefunden. Die Leuchter, Krüge, Kelche und Schüsseln sind Zeugnisse exzellenten Handwerks und mit Inschriften in kufischer Schrift verziert. Sie wurden in drei großen Tontöpfen in den Fundamenten eines Hauses gefunden. Archäologen vermuten, der Besitzer des Hauses könne mit den Metallgegenständen gehandelt und seine Ware vor den Kreuzrittern versteckt haben, als diese in Tiberias einfielen.

In den nächsten Ausgaben von Biblical Archeological Review (englisch) und Kadmoniot (hebräisch) werden Aufsätze zu den Funden erscheinen. Die Ausstellung in der Hebrew University ist geöffnet bis Juni 2000.

Kontakt: www.huji.ac.il

 

 

Mokady-Retrospektive

Moshe Mokady (1902-1975), einer der Väter der modernistischen Strömung in der israelischen Malerei, war ein früher Vertreter der abstrakten Kunst und eines Trends in Richtung Internationalismus. Das Tel Aviv Museum widmet ihm eine Hommage mit einer Auswahl von 130 Gemälden und Zeichnungen. Die Ausstellung wurde bereits am 28. Dezember 1999 eröffnet. Sie fällt zeitlich zusammen mit dem Erscheinen einer umfassenden Dokumentation des Künstlers und seines Werkes, die von Yona Fischer und der Ausstellungskuratorin Irith Hadar ediert wurde.                       

Kontakt: www.tamuseum.co.il

 
 
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